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Willkommen in der Minderheit | Spreeblick
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Zugegeben: Mein allererster Eindruck des iPads hatte den bitteren Beigeschmack leichter Enttäuschung. Mein Auge störte sich an den Proportionen von Rand und Bildschirm, das Interface des Home-Screens – mit den großen Abständen zwischen den Icons – wirkte unfertig, und wie fast alle, hoffte auch ich auf etwas technologisch wirklich Neues, Revolutionäres, Nie-Gesehenes.
Stattdessen präsentierte Mr. Jobs ein Gerät, das vom ersten Eindruck an einen guten Bekannten erinnert und daher in Windeseile auf allen Meinungsäußerungskanälen als großer iPod Touch bagatellisiert wurde.
Überhaupt übten die Reaktionen auf das iPad mehr Faszination auf mich aus als das Gerät selbst. Dass auf eine solch große Erwartungshaltung nur Ernüchterung folgen konnte, war abzusehen. Die Gerüchteküche hatte ein gigantisches Buffet aufgetischt – für jeden war was dabei. Dagegen wirkte jedes Drei-Gang-Menü mager, egal wie perfekt es zusammengestellt und zubereitet ist. Und dass eine Neuvorstellung aus Cupertino sowieso erstmal gehässig niedergetwittert wird, ist auch nicht verwunderlich.
Dennoch war ich überrascht, wie wenig die (Hobby-)Kritiker in den letzten Jahren gelernt hatten. Vergessen scheinen die zahlreichen Stimmen, die dem iPhone bei seiner Einführung höchstens ein Nischendasein prophezeiten. Vergessen auch, wie dumm heute diejenigen dastehen, die dem iPod, ob des hohen Preises und den fehlenden Features, ein Fail anhefteten. Was in die meisten Köpfe scheinbar noch immer nicht durchgesickert ist: Bei Apple geht es nicht um Hard- und Software, es geht um Experience. Und bevor man diese nicht erlebt hat, kann man ein Produkt nicht vollständig bewerten. Wenn es Apple richtig gemacht hat, werden viele Kritikpunkte (kein Flash, kein Multitasking, keine Kamera, keine seriellen Ports für Nadeldrucker etc.) mit einem Swipe weggewischt, sobald man das Gerät in den Händen hält.
Eine neue Ära
„Ja, aber ich brauche das nicht. Ich habe ja schon ein iPhone/ Netbook/ Laptop…“ liest man von denjenigen, die täglich mit Computern arbeiten und mich beschleicht der Eindruck, dass im gebetsmühlenartigen Wiederholen dieser kategorischen Ablehnung auch ein wenig Angst mitschwingt. Denn vielleicht schwant einigen schon, was das iPad bedeuten könnte: ein neues Paradigma im Personal Computing.
Denn das iPad ist kein großer iPod Touch, der iPod Touch ist ein kleines iPad. Was Apple vor drei Jahren präsentierte, war nur ein Vorgeschmack, verkleidet als Mobiltelefon und Mp3-Player. Das iPad lässt erahnen, dass eine weitaus größere Strategie dahinter steckt und wo die Reise in den nächsten Jahren und Jahrzehnten hingehen könnte.
Einmal mehr zockt Apple im großen Stil. Wenn es nach Plan läuft, stellen sie die Regeln auf und haben einen komfortablen Vorsprung vor der Konkurrenz (Wenn das iPad hingegen floppt, bringt das eine Firma mit solchen Cash-Reserven und anderen erfolgreichen Produktlinien auch nicht aus dem Tritt).
In diesem Licht erscheint die angebliche Aussage von Steve Jobs, das iPad sei „das Wichtigste, was er je gemacht habe“ nicht mehr nur bloßes Marketing-Gehype. Dass das iPad wiederum eine „dritte Kategorie zwischen Smartphone und Laptop ist“ könnte hingegen jedoch ein großes Understatement vom dem sonst um keine Superlative verlegenen Apple-Chef sein. Will er uns nicht zu viel auf einmal zumuten?
Das iPad nur als Gadget zu betrachten – und ihm höchstens noch eine Berechtigung als Rechner für die Oma zuzubilligen – ist zu kurz gedacht. Was wir hier sehen ist der Anfang einer neuen Ära im Personal Computing – vorausgesetzt, Apple ist mit seiner Strategie so erfolgreich, dass andere Hersteller auf den Zug aufspringen müssen. Das heißt nicht, dass das iPad als Gerät die Zukunft des PCs darstellt. Vielmehr geht es um den grundsätzlichen Ansatz, das Denkmodell. „In many ways, this defines our vision, our sense, of what’s next“, lautet der denkwürdige Schlusssatz von Chef-Designer Jonathan Ive im iPad Produktvideo.
Vereinfacht gesagt: Apple setzt auf ein System ohne sichtbare Dateistruktur für den Benutzer, auf einen Umgang mit Computern der Komplexität versteckt und dafür ein Stück Flexibilität opfert.
Ich habe das Gefühl, dass dieser Punkt – neben der Kritik an der fehlenden Offenheit des Eco-Systems – bei der vorschnellen Ablehnung des iPads eine große Rolle spielt. Diejenigen, „die sich mit Computern auskennen“, die mit ihnen aufgewachsen sind und sich über Jahre die nötigen Fertigkeiten angeeignet haben, verlieren in dieser neuen Ära ihre Distinktion. Das durch mühsames Trial-and-Error erlernte Beherrschen eines Betriebsystems wird überflüssig. Über Jahre angesammeltes Wissen wird unwichtiger. Der Vorsprung, den wir in diesem Bereich unserer Elterngeneration gegenüber haben, schmilzt.
Eine neue Minderheit
Der Computer wird endlich alltagsfähig – für alle. Er verliert den Geschmack des Arbeitsgerätes, die Schwerpunkte verschieben sich hin zu Entertainment und Kommunikation (Die Couch wurde nicht auf die Bühne geschleppt, weil sich Steve Jobs nach seiner Erkrankung schonen muss. Mehr Couch-Computing auch hier).
Dass man mit dieser neuen Art von Computer nur konsumieren kann, wie viele Pro-User bemängeln, mag auf das iPad zutreffen. Noch. Doch innerhalb dieses neuen Paradigma, lassen sich ohne weiteres professionelle, hochspezielle Applikationen und Arbeitsprozesse denken. Bis diese kommen, wird noch einige Zeit vergehen, aber die Weichen sind gestellt. Denn die Desktop/Fenster-Metapher mag vor 25 Jahren eine gute Idee gewesen sein, aber 2010? Auf dem Schreibtisch, den der Computer simuliert, steht heute oft nur noch – ein Computer.
Die kommenden Generationen werden über das alte Denkmodell lächeln, die Älteren, die bisher den Anschluss verpasst haben, finden über neue, bessere Interface-Metaphern leichter Zugang.
Und dazwischen sitzen wir, eine neue Minderheit. Zwar können wir Treiber installieren und Netzwerke konfigurieren, aber das wird keinen mehr interessieren. Die Zeiten, in denen Computer nur für uns gemacht wurden, sind passé.
Mehr zum iPad auf Spreeblick:
Das Apple Tablet
iPadDer Autor Johannes Schardt ist u.a. Designer und alter Freund des Hauses Spreeblick.
via spreeblick.com.
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